SPRACHPFLEGE

Niederschrift der Ausschuß-Sitzung vom 23. Januar 2013

Ort: Bürgermeisterturm, Neutormauer 11

Anwesend: Herr Körner, Herr Länger, Frau Nelke, Herr Paulwitz

Verhindert: Herr Kügel, Herr Reiß, Frau van Thiel

Vorsitzender: Thomas Paulwitz

Schriftführer: Günter Körner

 

TOP 1             Regularien, Begrüßung

Das Protokoll der letzten Sitzung wird widerspruchslos genehmigt.

 

TOP  2                        Rückblick

Über eine ZDF-Sendung „login“ ist zu berichten, dass zum Thema „Muss die deutsche Sprache geschützt werden?“ heftig, widersprüchlich, gegensätzlich und ohne Übereinkommen debattiert worden war. Das Übergewicht behielt der Verneiner der Titelfrage, Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch, Anglist in Berlin, der schließlich dazu aufgerufen hatte, einen „Anglizismus des Jahres“ zu wählen.

 

TOP 3             Herr Paulwitz stellt den Fragenkatalog vor zu der baldigen Sendung im DLF „Kultur heute“, bei der er als zu Befragender mit diesen Punkten konfrontiert würde:

1. Welche Vereinigungen gibt es, die mit Sprache zu tun haben? Wie lauten deren Grundsatzerklärungen? Welche Querverbindungen gibt es?

2. Wie gestaltet sich das Projekt „Straße der Deutschen Sprache“?

3. War die geeinigte deutsche Sprache Voraussetzung für das Entstehen der Deutschen Nation (Diskussionsbehauptung)? Wie war die sprachliche Situation vor 1870?

4. Was haben Schriftsteller wie Novalis und Lessing mit regelrechtem Schreiben gemäß Duden zu tun und welche Rolle kommt Luthers Bibel-Übersetzung zu?

5. Warum liegt Mansfeld auf der Strecke der Straße der Deutschen Sprache und nicht etwa Eisenach?

6. Sind weitere Orte denkbar? Leipzig, Erfurt, Einbeck?

7. Sprachgesellschaften, insbesondere die von Ihnen vertretene, stehen im Verdacht sprachkonservativer Absichten.

 8. Wie begegnen Sie dem Vorwurf einer schönen marktgängigen Strategie ohne Inhalt und Konsequenzen?

9. Was hat es mit der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft auf sich?

10. Führt der Ausbau einer Lexikographie zum Purismusstreit? Sind Sie ein Sprachreiniger? Passt das ins 21. Jahrhundert?                                                                                              

Die Sitzungsrunde ist sich einig darüber, polemische Fragen gar nicht erst zuzulassen, Spekulationen zu vermeiden und ausschließlich bestehende Sachverhalte zu beleuchten.

            — Seither ist in einem Nürnberger Studio das Gespräch aufgezeichnet worden. Es ging vor allem um die „Straße der deutschen Sprache“; Herr Köhler, der Interviewer, war von einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung darauf aufmerksam gemacht worden. Drei Minuten wurden im Deutschlandfunk, in Bayern 2 und im Westdeutschen Rundfunk 3 gesendet. Herr Paulwitz ist mit der Wirkung zufrieden. Der Text kann im Internet aufgesucht oder bei ihm angefordert werden. —

 

TOP  4                        Die Bestrebungen, bei eingeführten Kinderbüchern die ursprünglichen Texte im Sinne politischer Korrektheit zu ändern, sind in vollem Gange.

Herr Paulwitz stellt Beispiele vor anhand zweier Bücher aus seinem Besitz:

Das Wort „Neger“ in „Pipi Langstrumpf“ wird seit 2007 mit einer Fußnote versehen, die Lindgrens Wortwahl entschuldigen soll. In neueren Auflagen ist „Neger“ durch „Schwarze“ ersetzt. „Zigeuner“ seien vollständig getilgt.

In Otto Preußlers Werk „Die kleine Hexe“ werden folgende Begriffe gestrichen; „Negerlein“, „Türken“, „Indianer“, „Eskimo“, „Hottentotten“, „Scheich“.

Man schüttelt heftig die Köpfe.

 

TOP 5             Unter „Sonstiges“ kommen zur Sprache:

Frau Nelke empfiehlt die präzise Sprache J.C. Gottscheds und folgert in diesem Sinne, redaktionelle Arbeit habe die Aufgabe, zu präzisieren.

Im regionalen Anzeigenheft „Plärrer“ findet sich eine aufgeblähte Pressemitteilung mit den Stichpunkten JURA World of Coffee, die von einer Anzeige nicht zu unterscheiden ist. So ein journalistischer Stil sei als indiskutabel einzustufen.

In wenig sachkundiger Weise sehen sich Sprachgesellschaften als skurrile Fremdworthasser dargestellt. Häufig unterstellen jene Skizzierer, beispielsweise müsse „Nase“ mit „Gesichtserker“ ausgetauscht werden, obwohl solches Bestreben nirgends belegt ist.

Herr Länger trägt einige Zeitungsausschnitte bei, darunter eine Fotografie aus dem Jahr 1936, welche die heutige Ludwig-Erhard-Straße in Fürth mit einem Transparent zeigt, auf dem „Straße“ in Doppel-s-Schreibung zu lesen ist: „Strasse der deutschen Geschäfte“ (NN vom 15. 11. 2012).

 

Niederschrift der Ausschuß-Sitzung am 17. April 2013

Ort: Bürgermeisterturm, Neutormauer 11

Zeit: 19:30 Uhr bis 21:15 Uhr

Anwesend: Herr Körner, Herr Kügel, Frau Nelke, Herr Paulwitz, Herr Reiß, Frau van Thiel

Verhindert: Herr Demuß, Herr Länger

Vorsitzender: Thomas Paulwitz

Schriftführer: Werner Kügel

 

TOP 1:            Die Einladung war ohne Protokoll und sehr spät verschickt worden. Zu dem Protokoll gibt es Kürzungs- und Ergänzungswünsche. Herr Körner empfiehlt die regelmäßige Sendung in Bayern 2, freitags gegen 14:30 Uhr, über Sprachfragen.

 

TOP 2 (Rückblick):      Am 21. 2. wurde in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts zu Berlin unter Mitwirkung der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft der Tag der Muttersprachen in einem Festakt begangen, auf dem auch die Politiker Lammert und Thierse vertreten waren. Das Thema war „Luthers Einfluß auf die deutsche Sprache“.

            Auf der Leipziger Buchmesse befand sich der Stand der NFG neben dem der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften. Sehr erfolgreich wurden Vorträge auch von der DEUTSCHEN SPRACHWELT angeboten.

 

TOP 3: Die von einer Zeitung so genannte „Entmannung der Straßenverkehrsordnung“ geht auf ein „Handbuch der Rechtsförmigkeit“ zurück, das ohne Beteiligung einer breiteren Öffentlichkeit nur auf dem Verwaltungswege entstanden ist. Es ist bekannt, daß es nun statt „Verkehrsteilnehmer“ heißen soll: „wer am Verkehr teilnimmt“. Dieses Muster zieht sich hindurch, sodaß ein an der Ampel stehender Fußgänger wohl ein stehender zu Fuß Gehender ist. Üppig erblüht das Mittelwort der Gegenwart, wie in den Gedichten Ludwigs I. von Bayern. Schlimm nur, das man nicht konsequent vorgegangen ist: In der StVO stehen immer noch „Unternehmer“, „Reiter“ und „Führer von Jugendgruppen“. Frau van Thiel hat dies zu einem Entwurf für einen Brief an Verkehrsminister Ramsauer genommen, in dem sie u.a. die ironische Frage stellt, ob sie nun einen „Führerinnenschein“ brauche. Sie findet, wie Herr Stössel, die Ausdrucksweise zu beanstanden, daß „sich in die Kreuzung hineinbewegt werden“ dürfe. Herr Körner schlägt vor, daß die Ausschußmitglieder den satirischen Brief, nachdem er zu besserer Wirkung gekürzt worden sei, mitunterzeichnen sollen. Herr Paulwitz hat einen Aufruf elektronisch verbreitet, man solle sich beschweren, und eine Fülle von zustimmenden Zuschriften erhalten.

 

TOP 4:            Da in der letzten Zeit immer mehr Grundsätzliches im Ausschuß zur Sprache gekommen ist, hält Herr Kügel die Zeit für gekommen, mit sprachpflegerischen Thesen und Beispielen im Namen des Blumenordens an die Öffentlichkeit zu gehen. Gelegenheit böte ein bisher nicht belegter Termin im CPH am 13. November. In den bis dahin geplanten zwei Sitzungen sollen folgende seit Jahren immer wieder ins Auge gefaßten Thesen eingehend besprochen und Stellungnahmen dazu vorbereitet werden:

1. Sprachpflege ist Denkpflege. (Analyse-Instrument: Wolfgang Gasts Rhetorikbuch)

2. Jeder darf schreiben, wie er es gelernt hat, wenn er es gut gelernt hat. (Kern der Aussage: ein unvollkommenes System ist besser als gar keines.)

3. Absichtliche Fehler sind harmlos, solange sie noch witzig wirken. (Gegen sinnlose Entrüstung über Werbung, für Unterscheidung zwischen Verstößen gegen die Sprachlogik und Systemwandel)

4. Man kann mit der Sprache alles machen, doch man darf sich dann nicht wundern, wie man verstanden wird. (Mikrokritik dient der Untersuchung der Bedingungen, unter denen zeitnahe Verständigung stattfindet, oder: Wie man sich um Kopf und Kragen redet, ohne es zu merken.)

5. Die Sprache ist zum Spielen da. (Über den Wert der poetischen Experimente für die Sprachentwicklung, ob von Poeten ausgeübt oder von Kindern jeden Alters)

 

TOP 5:            Frau Nelke empfiehlt die neueren Ausgaben der Veröffentlichung „Sprachdienst“ der Gesellschaft für deutsche Sprache.

            Die Deutsche Bahn hat im Netz abstimmen lassen, welcher Dialekt für den beliebtesten gehalten werde. Herausgekommen ist Fränkisch, worauf die Bahn einen Internetauftritt verfränkelt hat, so gut es eben gehen wollte.

            Zu der Namensänderung des Flughafens Düsseldorf zu „Airport Düsseldorf“ sagte ein CDU-Lokalpolitiker, das „ü“ im Stadtnamen sei hinreichend zur Wahrung der deutschen Identität.

 

Der Sprachausschuß trifft sich wieder am 24. Juli 2013, um 19:30 Uhr, im Turm.